VIER FRAGEN AN… Viola Steinbeck
Viola Steinbecks Beruf ist spannend und fordernd zugleich, denn sie erfährt viele persönliche Dinge von ihren Kunden. Die 45-Jährige arbeitet als Personal Coach und begleitet in diesem Job Menschen durch schwierige Lebensphasen und Situationen. Dafür muss sie vor allem eines gut können: Zuhören. Das würde sie sich oft genug auch von Menschen wünschen, die in der Gesellschaft die wichtigen Entscheidungen treffen.
Sie selbst erkrankte mit 7 Jahren an Rheuma, die Inklusion ist auch deshalb einer ihrer Schwerpunkte bei der Arbeit. Sie berät und begleitet zum Beispiel andere Menschen mit Behinderungen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben und berät Unternehmen, Vereine und anderen Institutionen, die sich auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit machen wollen. Ein wichtiger Teil dieses Jobs ist es, über oft unbewusste Barrieren aufzuklären und Sorgen und Ängste zu nehmen. Außerdem hilft sie dabei, das Potenzial einzelner Menschen zu erkennen und zu fördern. Im Gespräch hat uns die 45-jährige erklärt, was aus ihrer Sicht für eine gelungene Inklusion besonders wichtig ist.
#1 Frau Steinbeck, was bedeutet für Sie Inklusion im Beruf und bei der Arbeit?
Es müssten sich meiner Meinung nach als erstes und dringend die schulischen Strukturen ändern, damit eine Gleichberechtigung in der Bildung erreicht werden kann. Alle Kinder sollten von klein auf die Möglichkeit haben, in reguläre Klassen zu gehen und so auch schon früh gemeinsame Lernerfahrungen zu sammeln. Das müsste schon im Kindergarten beziehungsweise in der Ganztagestätte losgehen. Diese Generation würde dann nämlich gemeinsam miteinander groß werden, menschliche Vielfalt wäre also von Anfang an „normal“ und selbstverständlich für alle. Wenn diese Kinder gleich behandelt und gefördert werden, würden auch die Kategorien der „Extras“ oder „Ausnahmen“ wegfallen. Keiner würde sich benachteiligt fühlen und es müsste sich auch niemand erst an Menschen mit Behinderung „gewöhnen“, wie es heute noch oft zu sein scheint. Erst unter diesen Voraussetzungen steht es später jedem Menschen offen, eine Berufsausbildung oder ein Studium zu absolvieren – und eben nicht, wie es heute oft ist, in eine Werkstatt zu wechseln. Ein gleichberechtigter Zugang zum Arbeitsmarkt ist aus meiner Sicht eine sehr wichtige Voraussetzung dafür, dass alle Menschen in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes Leben führen können.
Auch auf der Website ist es gleich zu sehen: Viola Steinbeck ist auf Beratung und Coachings rund um die Inklusion spezialisiert.
#2 Was bremst Ihrer Meinung nach die Inklusion – bei der Arbeit, aber auch in der Gesellschaft insgesamt?
In Teilen unserer Gesellschaft ist leider das Vorurteil weit verbreitet, dass Menschen mit Behinderung weniger leistungsfähig und weniger arbeitswillig wären als andere. Viele sehen immer nur den hilfs- und unterstützungsbedürftigen Menschen hinter dem Handicap, nicht die individuelle Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, mit Talenten, Fähigkeiten und mit einem Arbeitswillen. Mir persönlich geht dabei besonders gegen den Strich, dass die freie Wirtschaft nicht oder zu wenig in die Verantwortung genommen wird. Das ist besonders auf der gesetzlichen Ebene der Fall.
Das wohl größte Problem scheint aber das Geld zu sein. Viele Maßnahmen werden mit der Begründung, dass es keine finanziellen Mittel gebe, abgewälzt oder aufgeschoben. Das ist mir zu kurz gefasst. Ich glaube, dass das oft eher eine Sache des Wollens ist. Meiner Meinung und Erfahrung nach gibt es für vieles Lösungen, die nicht unbedingt teuer sein müssen.
#3 Mit welchen kleinen oder größeren Handlungen könnten einzelne Menschen aus Ihrer Sicht selbst zur Inklusion beitragen?
Ich finde es wichtig, mit geöffneten Augen und gespitzten Ohren durch das Leben zu gehen und offen für andere Menschen zu sein. Es würde schon helfen, wenn jeder Mensch vor seiner eigenen Haustür und im Kiez schaut, was geändert werden könnte und sich dann auch darum kümmert. Wenn jeder Mensch, der ohne Behinderung lebt, mal bewusst auf seinem täglichen Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder bei Freizeitunternehmungen schauen würde, ob und wie Menschen mit Behinderung dort zurecht kämen, wäre das wahrscheinlich sehr aufschlussreich und würde vielen die Augen öffnen.
Ich plädiere deshalb für mehr Mut: Zum Perspektivwechsel, aber auch dazu, die daraus folgenden Konsequenzen mitzutragen. Wenn zum Beispiel ein Geschäft gerade sowieso umgebaut wird und dort Stufen vorhanden sind, könnte man doch gleich ein kleines Stück weiter- und über eine Rampe nachdenken. Jede unüberwindbare Stufe schließt nämlich viele Menschen aus dem „ganz normalen“ Leben aus, und mit dem Bau eines Zugangs ist dann schon viel getan. Es gibt außerdem viele Stellen, bei denen man sich über Fördermittel für so eine barrierefreie Gestaltung informieren kann.
#4 Wenn Sie Ihren Traum-Arbeitsplatz frei entwerfen könnten: Wie sähe dieser aus?
Zur Zeit arbeite ich selbstständig und daher auch viel von zu Hause aus. Das ist für mich als chronisch Kranke ein großer Vorteil, weil ich mir so meine eigenen Rahmenbedingungen setzen kann. Ich bin von Hause aus Anthropologin und habe deshalb einen besonderen Blick für uns Menschen und unsere Umwelt entwickelt. Dazu zählt natürlich auch der Arbeitsplatz. Gerade beobachte ich, dass der Arbeitsmarkt sich stark im Wandel befindet und denke, dass es früher oder später den „klassischen“ Arbeitsplatz nicht mehr geben wird. Stattdessen werden sich hoffentlich neue, mehr an den Menschen angepasste Strukturen etablieren – darin sehe ich die Zukunft. Mein Traumarbeitsplatz wäre daher schlicht perfekt an jedes Individiuum angepasst, also ergonomisch, zeitlich flexibel und, falls nötig, auch ortsungebunden. –
Foto: Privat
Über unsere Interviewpartnerin
Name: Viola Steinbeck
Beruf: Freie Beraterin für Inklusion und Barierrefreiheit und Personal Coach
Geburtsjahr: 1971 (45 Jahre)
(Persönlicher Bezug zu) Behinderung: Seit dem 7. Lebensjahr an Rheuma erkrankt.
Wenn ihr Kontakt zu Viola Steinbeck aufnehmen wollt, könnt ihr das über ihre Website tun. Übrigens: Die 45-Jährige arbeitet nicht nur Personal Coach, sondern auch als zweite Vorsitzende im ehrenamtlichen Verein Hero Construction Company e. V. Dort engagiert sie sich dafür, dass junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und zu mehr Zivilcourage befähigt und ermutigt werden.