„Das Beste, was wir bisher hier hatten”

27.02.2020 Michael Hagel

Eng aneinandergereiht liegen die Bratwürste auf dem Blech, in einem großen Topf auf dem Herd dampft rote Soße. Fruchtig und frisch schmeckt sie, das Rezept wird nicht verraten. Es ist Freitag, in der Herforder Kreishauskantine heißt das: Currywurst-Tag. Und zwar auf ausdrückliche Bitte des Hausherrn, Landrat Jürgen Müller, der sich den Klassiker regelmäßig schmecken lässt.

Seit September 2016 bewirtschaftet der Lippische Kombi-Service, kurz LKS, die Kantine in dem Verwaltungsbau aus den 1990er-Jahren. „Der Kreis wollte ein soziales Unternehmen in seiner Kantine haben. Wir wurden angefragt, haben uns an der Ausschreibung beteiligt und gewonnen“, blickt LKS-Geschäftsführerin Monika Zimmermann zurück. Montags bis freitags versorgt das Inklusionsunternehmen mit Sitz in Detmold nicht nur die Bediensteten des Kreises mit belegten Brötchen, Mittagessen, Heiß- und Kaltgetränken sowie allerlei Snacks: „Zurzeit geben wir gut 100 Essen pro Tag in der Kantine aus und liefern weitere 100 bis 150 Essen an vier Kindergärten in der Umgebung“, sagt Monika Zimmermann.

Das Allround-Talent

Elwira Leesemann bringt einen Frühstückskorb zur Theke. Ihre Spezialitätenbrötchen sind kleine Kunstwerke, fantasievoll belegt mit Bratenröllchen und Salatkreationen. Die Mitarbeiterin hat eine Behinderung und wechselte aus der Hotel-Gastronomie, wo sie ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat, zum LKS. „Ich bin hier das Allround-Talent“, sagt sie. Thekenbereich, Küche und Spülküche – die 49-Jährige hilft dort, wo Hilfe gebraucht wird.

„Frau Leesemann können wir überall einsetzen“, sagt ihr Chef Manuel Nocken. Der 30-Jährige ist ausgebildeter Koch und leitet die Küche der Kreishauskantine. Er ist verantwortlich für Aufgabenverteilung und eine gute Zusammenarbeit im Team. Fast alle der insgesamt zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Behinderung, eine psychische Erkrankung oder eine Suchterkrankung. Deshalb muss sich Monika Zimmermann nicht nur fachlich, sondern auch menschlich immer auf ihren Küchenchef verlassen können: „Herr Nocken ist einfühlsam und hat viel Empathie. Wenn es mal Probleme gibt, erkennt er sie und versucht, sie direkt zu lösen“, sagt die LKS-Geschäftsführerin.

Landrat Jürgen Müller freut sich, dass jeden Freitag der Duft von Currywurst durch die Räume der Kreishauskantine zieht. Foto: LWL/Kopfkunst

Erfolgreicher Betrieb seit 1987

Ein gutes Betriebsklima ist für Monika Zimmermann von existenzieller Bedeutung. Sie steht in engem Kontakt mit den Beschäftigten, führt Gespräche, wenn nötig. „Die Arbeit in der Gastronomie ist hart, aber bei uns wird das sozial abgefedert. Das ist ja auch unser Auftrag“, sagt sie.

Der LKS ist seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt. 1986 etablierten die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in Lippe den gemeinnützigen Verein APK. Um der Isolation psychisch Kranker entgegenzuwirken und eine Integration in die Arbeitswelt zu ermöglichen, gründete der APK 1987 einen vereinseigenen Betrieb, den Lippischen Kombi-Service. Der Name ist Programm: Neben Cafeterien und Catering bietet der LKS auch den Service der Datenarchivierung für Unternehmen aus der Region an, außerdem betreibt das Unternehmen eine Heißmangel und ein Buchantiquariat.

Mund-zu-Mund-Propaganda als Erfolgsrezept

Zurzeit ist der Betrieb an mehr als 35 Standorten in der Region Lippe vertreten – von Bad Pyrmont bis Bad Salzuflen, von Detmold bis Herford. Gut die Hälfte der insgesamt 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat eine Behinderung. Monika Zimmermann ist außerdem besonders stolz darauf, dass der LKS 70 Auszubildende beschäftigt: „Das ist Spitze in Westfalen-Lippe.“

In Herford betreibt die Organisation die Kreishauskantine und ist auch mit der Mensa der Gesamtschule Friedenstal überaus erfolgreich. Das zahlt sich aus: „Wir werden oft von Schulleiter zu Schulleiter weiterempfohlen, da funktioniert die Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Monika Zimmermann.

Beste Qualität

Landrat Jürgen Müller isst regelmäßig in der Kreishauskantine, ebenso viele seiner Beschäftigten. „Wir wollten etwas für Menschen mit Behinderungen tun und deshalb einen Inklusionsbetrieb in unserer Kantine haben“, sagt Müller. Das LKS-Engagement sei für beide Seiten eine Win-Win-Situation. „Von der Qualität ist es außerdem das Beste, was wir bisher hatten. Das Gulasch ist toll, die Currywurst sowieso. Und auch die Spargel-Thementage sind super“, schwärmt der Landrat.

Die Lebensmittel sucht Manuel Nocken persönlich aus. Obst und Gemüse kauft er meist bei regionalen Erzeugern ein, Tiefkühlware und Süßigkeiten werden geliefert. Jeden Mittwoch schreibt Nocken in seinem Büro den Speiseplan für die nächste Woche. Ausgewogen soll er sein – und auch auf Kundenwünsche geht der Küchenchef ein.

Begeisterung bei den Kunden

Etwa 200–250 Essen werden täglich von zehn Mitarbeitern in der Kantinen-Küche zubereitet. Fast alle haben eine Behinderung – zum Beispiel auch Benedikt Minnig. Foto: LWL/Kopfkunst

Richtig durchgestartet ist das LKS-Kantinenteam bei der 200-Jahr-Feier des Kreises im Oktober 2016. „Da haben wir gezeigt, was wir können“, sagt Nocken. Das aufwändige Fingerfood-Buffet löste Begeisterung aus, „das war unser Durchbruch.“ Gut lief es für Nockens Küchencrew auch beim Sommerfest 2017. „Wir haben einen Streetfood-Wagen betrieben und 600 Personen versorgt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt lieben uns die Kreis-Bediensteten.“ Regelmäßig bewirtet der LKS auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Tagungen, Veranstaltungen und Partei-Treffen.

Inklusion? Selbstverständlich.

Zum Erfolg der Kreishauskantine trägt auch bei, dass sich die Beschäftigten in der Küche auch mal ausprobieren dürfen. Küchenchef Manuel Nocken ist immer offen für neue Ideen. Nur der Schnitzel-Tag am Mittwoch und der Currywurst-Freitag sind gesetzt. Die Kernarbeitszeit für die LKS-Kantinenmannschaft ist von 7 bis 15:30 Uhr, es sind aber auch flexible Zeiten möglich. Der Verdienst orientiert sich an den Tarifen der Gastronomie.

Landrat Jürgen Müller ist sicher, mit dem Lippischen Kombi-Service die richtige Wahl getroffen zu haben: „Hier sind Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich Teil der Kreisverwaltung geworden.“


Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

VERSCHOBEN: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2020

Über 160 Inklusionsunternehmen und -abteilungen behaupten sich in Westfalen-Lippe am Markt – darunter auch die Grünbau GmbH. Sie und andere Betriebe dieser Art tragen besonders viel zur Inklusion bei, weil sie mindestens 30 Prozent Menschen mit Schwerbehinderung auf festen Arbeitsplätzen beschäftigen. Wie jedes andere Unternehmen müssen all diese Firmen dennoch erfolgs- und wettbewerbsorientiert arbeiten.

Das LWL-Inklusionsamt Arbeit widmet diesen vorbildlichen Unternehmen und dem Thema Arbeit und Inklusion eine eigene Veranstaltung: Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen, die in diesem Jahr eigentlich am 18. März 2020 in der Messe Dortmund stattfinden sollte. Wegen der zunehmenden Verbreitung des neuartigen Coronavirus‘ muss die Veranstaltung nun um ein Jahr verschoben werden: Der neue Termin ist voraussichtlich der 17. März 2021.

Mehr Informationen und eine Telefonnummer für Rückfragen findet ihr in der offiziellen Pressemeldung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).